Inhalt

Amulette, Zauberei, Runische Zauberwörter und
"heidnische Handlungen"

"Magie ist der Versuch des Menschen,
sich das Übernatürliche dienstbar zu machen."

Unsere Amulette
Abb.1 Verschiedene Amulette.
Von links: Donarkeule aus Geweih, Bergkristallkugel als
"Trudenstein", C-Brakteat mit Motiv aus dem
zweiten Merseburger Zauberspruch, Germanischer
Thorshammer aus Kneitlingen (Rekonstruktion)

Amulette

Donarkeule

Der Ursprung solcher Anhänger begründet sich auf römische Vorbilder. Die Form des Amuletts ist einer stilisierten Darstellung der Keule des Herkules nachempfunden.

Die germanischen Exemplare sind in der Regel aus Knochen oder Geweihspitzen gefertigt und mit verschiedenen Motiven verziert worden. Die beiden Donarkeulen aus Liebenau haben eine Verzierung aus eingeritzten Kreuzen und Rillen. Aber auch das beliebte Kreisaugenmuster ist oft auf solchen Amuletten zu finden. Da sie über eine entsprechende Aufhängevorrichtung verfügten wurden die Donarkeulen sicherlich als Anhänger um den Hals getragen. Sie konnten als Fruchtbarkeitssymbol und als Amulett mit einer unheilabwehrenden Schutzwirkung angesehen werden. Da der römische Gott Herkules im germanischen Raum mit dem Gott Donar (Thor) gleichgesetzt wurde, können wir diese Anhänger mit Recht als Donarkeule ansprechen. Donarkeulen sind aus zahlreichen Gräbern des 4. bis 7. Jahrhunderts belegt.

Thorshammer

Für den germanischen Raum gibt es nur sehr wenige Funde von "Thorshämmern". Der Schwerpunkt der Thorshämmer liegt erst in der späteren Wikingerzeit in Skandinavien.
Die Bezeichnung "Thorshammer" für norddeutsche Funde ist wissenschaftlich begründet aber etwas irreführend, da der Name Thor hier nicht bekannt war. Der damit angesprochene Gott ist Donar.

Der Thorshammer von Kneitlingen im Landesmuseum Wolfenbüttel
Abb.3 Der Thorshammer von Kneitlingen
im Landesmuseum Wolfenbüttel.

Unter den wenigen Funden, die vorliegen existiert ein besonders schönes Exemplar eines "germanischen Thorshammers" aus dem 8. Jahrhundert. Dieser ist in Kneitlingen als Lesefund und nicht als Grabbeigabe gefunden worden. Eine Öse deutet auf eine Trageweise mit einem Lederband hin. Aufgrund seiner Größe und seines Gewichtes liegt die Vermutung nahe, das es sich hier nicht um ein Schmuckstück einer Frau gehandelt hat. Die Frage nach der Trageweise dieses Amuletts bleibt offen. Er kann sowohl an der Schwertscheide, am Gürtel oder als Anhänger um den Hals getragen worden sein.
Die Funktion der skandinavischen Thorshämmer ist nicht komplett geklärt, doch dienen sie offensichtlich einem Fruchtbarkeitszauber. Das lässt sich erschließen, da diese fast ausschließlich am Körper oder in der Grabfüllung von Frauengräbern gefunden wurden.

Trudenstein

Ein Trudenstein ist eine Amulettform, die zum einen Schutz vor Quälgeistern versprach und zum anderen aber auch Fruchtbarkeit für Mensch und Tier bringen sollte. Auch heilkundige Frauen und Hebammen sollen derartige Steine mit sich geführt haben.
In einem Frauengrab am Schölerberg bei Osnabrück, das zuverlässig an das Ende des 7. bzw. in das erste Drittel des 8. Jahrhunderts datiert werden kann, wurde ein solcher Stein gefunden. Es handelt sich in diesem Falle um eine durchlochte Flintkugel die an zwei Seiten scheibenartig abgeflacht war. Offensichtlich wurde sie am Gürtelgehänge der Frau getragen, um Schutz vor jedem Unheil und Beistand der überirdischen Mächte zu erhalten. Ein Bergkristallanhänger ist in einem Grab bei Ense-Bremen (Kreis Soest) gefunden worden. Dieser ist datiert in die 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts.
Aus anderen Grabfunden sind weitere Anhänger aus Flint oder verschiedene Halbedelsteine aus anderem Material belegt, die eine ebensolche Charaktereigenschaft gehabt haben sollen.

Brakteaten

Brakteaten
Abb.5 Beispiele für die Brakteaten Typen.
Skandinavische Goldbrakteaten
Typ A-D, 5./6. Jahrhundert.

In den Jahrhunderten zwischen 400 und 700 sind zahlreiche Brakteaten (überwiegend in Dänemark, Schweden und Norwegen) aufgetreten. Hierbei handelt es sich um kleine (2,4- 3 cm Durchmesser) runde Schaumünzen, die nur einseitig in Goldfolie geprägt sind. Das Goldgewicht lag in der Regel bei etwa 4 Gramm. Fast alle dieser Brakteaten waren mit einer Öse ausgestattet, so dass man sie als Hängeschmuck tragen konnte. Etwa ein Drittel der gefundenen Brakteaten trugen Runeninschriften, bzw. runische Zauberwörter (siehe weiter unten). Besonders oft sind die Wörter "laþu" (Einladung), "laukaR" (Heilung), "alu" (Abwehr, Schutz, Tabu) und "ota" (Furcht) zu finden. Auch die bekannte Abbreviatur der Runenreihe, eben "fuþark" wird oft erwähnt.
Vorbilder der Brakteaten waren spätrömische Medaillons aus dem 3./4. Jahrhundert. Die einheimischen Nachahmungen können aber eindeutig als Amulette angesprochen werden. Dieses geht aus den Bilddarstellungen und den runischen Zauberwörtern (siehe weiter unten) eindeutig hervor.
Die heutige Wissenschaft unterteilt die Brakteaten in unterschiedliche Gruppen ein. Typ A: Männerkopf im Profil. Typ B: variierende Figurengruppen (z. T. von Tieren begleitet). Typ C: Männerkopf über einem Vierbeiner. Typ D: Tierornamente im nordischen Stil (Phantasietier). Die am häufigsten vorgekommen Brakteaten waren C-Brakteaten und D-Brakteaten.

Seitenanfang

"Indiculus superstitionium et paganiarum" - Ein Verzeichnis heidnischer Handlungen

Der Text dieser Überlieferung ist in der gleichen Handschrift geschrieben wie das altsächsische Taufgelöbnis. Die lateinische Bezeichnung wurde jedoch erst im 17. Jahrhundert geschaffen. Zeitlich wird dieses Verzeichnis in die Zeit des Sachsenkrieges Karls des Großen gesetzt. Einige Forscher vermuten jedoch eine frühere Entstehungszeit und bestreiten den Bezug zu den Sachsen. Fest steht jedoch, dass hier Handlungen und Bräuche aufgezählt werden, die nach dem Willen der Geistlichkeit ausgerottet werden sollen. Die Rede ist von Totengesängen oder Totenbeschwörungen, von Zauberbräuchen, die entweder Nutzen oder Schaden bringen sollten, von Versuchen die Zukunft zu erforschen oder gar dem Mond zu helfen seinen Glanz zurück zu erlangen, wenn er verfinstert war. Auch war es gotteslästerlich, während des Gottesdienstes in der Nähe der Kirche zu singen und zu tanzen. Die Namen der heidnischen Götter werden hier nicht erwähnt. Es werden lediglich die lateinischen Namen Merkur und Jupiter genannt. Man kann aber davon ausgehen, dass hier die germanischen Götter Wodan und Thor/ Donar angesprochen werden.

Unholde und Dämonen - Heidnische Handlungen in der "Capitulatio de partibus Saxoniae"

Im 8. Jahrhundert waren die Missionare der Ansicht, dass die Sachsen sich überall mit Magie und Zauber umgaben. In seiner "Capitulatio de partibus Saxoniae" (Erstes sächsisches Königsgesetz) schrieb Karl der Große im Jahr 782:

"6. Wenn jemand vom Teufel getäuscht nach Sitte der Heiden glaubt, dass irgendein Mann oder eine Frau eine Hexe(1) sei und Menschen isst und er sie deshalb verbrennt oder ihr Fleisch zum Essen gibt oder sie isst, werde er mit dem Tode bestraft".

"9. Wenn jemand einen Mann dem Teufel opfert und nach Sitte der Heiden den Dämonen als Opfer darbringt, sterbe er des Todes".

"23. Wir setzen fest, dass man Weissager und Zauberer den Kirchen und Pfarrern überliefern soll".

Derartige Gesetze können auf der einen Seite zwar gut begründet sein, andererseits auch eher vorsorglichen Hintergrund haben. Schließlich kannten die Christen okkulte Dinge bereits aus dem alten Testament (z.B. 5.Buch Moses 18, 10-11) und haben hier schon mal Verbote angeordnet, obwohl sie nicht genau wussten, ob die Sachsen solche Handlungen ausübten oder nicht.

Als heidnischen Brauch sah die Capitulatio die Feuerbestattung an und bedrohte sie im Abschnitt 7 mit der Todesstrafe.

"7. Wenn jemand den Körper eines verstorbenen Mannes nach dem Brauch der Heiden durch Feuer verzehren lässt und seine Gebeine zu Asche macht, werde er mit dem Tode bestraft."

Allerdings waren Leichenverbrennungen zur Zeit Karls des Großen im heidnischen Sachsen nicht allgemein üblich. Bereits vor Karl dem Großen sind häufig Körperbestattungen von Heiden durchgeführt worden.

Seitenanfang

Runische Zauberwörter

Die ältesten Runenschriften sind seit dem 2. Jahrhundert im westlichen Ostseegebiet, speziell in Dänemark, nachweisbar. Vermutlich wurden sie auf Anregung durch die lateinische Schrift von schriftkundigen Germanen entwickelt und stellen eine eigenständige Schriftart dar. Neben ihrem Lautwert stand das einzelne Zeichen aber auch für einen entsprechenden Begriff.
In einigen der überlieferten Runeninschriften sind magische Wortformeln belegt, die uns auch einen Einblick in die religiöse Vorstellungswelt der damaligen Menschen geben. Diese Inschriften sind häufig auch in verstellter oder verkürzter Schreibweise nachgewiesen. Die in unserer Region gefundenen beschrifteten Objekte datieren in das 5. und 6. Jahrhundert n. Chr.

Auf einer silber-vergoldeten Bügelfibel, die in einem Frauengrab in Beuchte (bei Goslar) gefunden wurde, sind zwei Inschriften zu lesen. Diese lauten "fuþarzj" und "buirso".

Eine magieorientierte Deutung sieht in den Runen "fuþarzj" (dem Anfang des älteren Futhark) "Heilswünsche" für die Trägerin der Fibel. Mit den Runen "z" und "j", die für die Begriffe "Abwehr" und "gutes Jahr" stehen, wurden hier noch "besondere Wünsche" mitgegeben.
Neuere Untersuchungen ergaben, dass die Runen einen fast unberührten Eindruck machen, während die Fibel selbst erhebliche Abnutzungsspuren aufweist. Auch bei der Gravur der z-Rune hatte der Ritzer geschickt eine bereits vorhandene Beschädigung der Oberfläche umgangen. Bisher wurde die etwas ungewöhnliche Form dieser Rune einem ungeübten Graveur zugeschrieben. Der neue Befund lautet jetzt: Die Inschrift ist erst kurz vor der Niederlegung (etwa 550 n. Chr.) als Grabbeigabe auf die Fibel gekommen. Sie weist hiermit in einen Bereich des Totenbrauchtums, das von der Furcht vor Wiedergängern geprägt ist. Es soll also eine Störung der Totenruhe verhindert werden.
Die Inschrift "buirso" könnte den Namen des Runenmeisters Bûriso wiedergeben. In diesem Falle hätte der Runenmeister seinen Namen "bewußt und tabuisierend" entstellt, damit kein Unbefugter den wahren Namen des Runenmeisters erkennen und dadurch Macht über ihn erhalten konnte. Eine andere Interpretation vermutet hier den Frauennamen "Burisõ". Keine dieser Vermutungen ist jedoch in irgendeiner Weise abgesichert (2).

Die silberne RAUZWI Scheibe aus dem Föderatengrab M8/A1, Liebenau
Abb.8 Die silberne "rauzwi" Scheibe aus
dem Föderatengrab M8/A1, Liebenau

Als Beschlag eines Schwertgurtes diente eine silberne Zierscheibe, die in Liebenau (Krs. Nienburg/ Weser) im Körpergrab M8/A1 (2. Drittel 5. Jh.) gefunden wurde. Auf der zerkratzten Oberfläche standen am Anfang zwei Runen "ra". Nach einer Lücke wird versuchsweise "zwi" gelesen. Im germanischen gibt es nur ein Etymon, das dieser Struktur entspricht: rauz- "Rohr", in übertragener Bedeutung auch "Speer". Das zweite Glied wäre eine verkürzte Form von -wi(haz) "der Geweihte". Als Männername aufgefaßt, wird er auf den Besitzer und Träger der Schwertgarnitur hinweisen. Die Kennzeichnug dieses Mannes als "der mit dem Speer Geweihte" könnte auf eine Kriegerweihe (an Wodan?) deuten (3).

Seitenanfang

Zaubersprüche

Bei den meissten Zaubersprüchen handelte es sich um Heilungszauber. Diese wurden gesprochen oder auch gesungen. Der zweite Merseburger Zauberspruch beschreibt die Heilung eines Pferdes durch Wodan. Im ersten geht es um die Befreiung eines Gefangenen. Die Merseburger Zaubersprüche wurden erst im 10. Jahrhundert aufgezeichnet, sind aber wahrscheinlich noch vor 750 entstanden. Gegen Wurmbefall half der Tegernseer Wurmsegen, der uns aus dem 9. Jahrhundert überliefert ist. Hier wurde die Krankheit auf einen Gegenstand (Pfeilspitze) übertragen.

Merseburger Zaubersprüche
Abb.9 Abschrift der Merseburger Zaubersprüche.

Erster Merseburger Zauberspruch

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, inuar uigandun.

Einst saßen Idisen, saßen nieder hier und dort.
Die hefteten Hafte, die hemmten das Heer,
die entflochten Gliedern den Fesseln:
"Entspring den Banden, entflieh den Feinden!".

Zweiter Merseburger Zauberspruch

Phol ende uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en sinthgunt, sunna era suister,
thu biguol en friia, uolla era suister,
thu biguol en uuodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.

Phol und Wodan fuhren zu Walde.
Da ward dem Fohlen Balders sein Fuss verrenkt.
Da besprachen ihn Sinthgund und Sunna, ihre Schwester,
da besprachen ihn Frija und Volla, ihre Schwester,
da besprach ihn Wodan, wie er's wohl verstand:
So Beinverrenkung, so Blutverrenkung,
so Gliedverrenkung: Bein zu Beine, Blut zu Blute,
Glied zu Glieden, als wenn sie geleimet wären.

Tegernseer Wurmsegen

Gang uz, Nesso, mit niun nessinchilinon
uz fonna marge in deo adra, vonna den adrun in daz fleisk,
fonna demu fleiske in daz fel, fonna demo velle in diz tulli.
Ter pater noster.

Fahre aus, Wurm, mit den neun Würmchen,
aus dem Mark in die Ader, aus der Ader in das Fleisch,
aus dem Fleisch in die Haut, aus der Haut in diese Pfeilspitze.
Drei Pater noster.

Anmerkungen:
(1)Das lateinische Wort "Striga" wird hier als "Hexe" wiedergegeben. Diesen Begriff hat es im Frühmittelalter jedoch nicht gegeben. Mit diesem Wort verbinden sich zudem die Vorstellungen vom Hexenwahn und den Hexenverfolgungen der Neuzeit. Daher ist diese Übersetzung nicht korrekt. Siehe auch Springer, Matthias - Die Sachsen, 2004, S. 160
(2)Düwel, Klaus - Runenkunde (4. Auflage), 2008, S. 18f
(3)Düwel, Klaus - Runenkunde (4. Auflage), 2008, S. 63

Literatur- und Quellenangabe:
Düwel, Klaus - Runenkunde (4. Auflage), 2008
Häßler, Hans-Jürgen - Ein Gräberfeld erzählt Geschichte, Studien zur Sachsenforschung 5.5
Simek, Rudolf - Religion und Mythologie der Germanen, Theiss
Simek, Rudolf - Götter und Kulte der Germanen, C.H. Beck
Springer, Matthias - Die Sachsen, 2004
Steinmetz, Wolf- Dieter - Ostfalen im 8. Jahrhundert

Bildquellen:
Abb.5: RL, Bd.3 Taf.19a-d
Abb.6: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Stuttgarter Psalter,Foliant (24)-10v
Abb.7: Zeichnung: Landesmuseum Braunschweig, Abt. Archäologie, Wolfenbüttel
Abb.9: Merseburg, Domstiftsbibliothek Cod.I, 136, Foliant 84R

Seitenanfang