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Neue Überlegungen in der Sachsenforschung.

Wenn wir heute an Sachsen denken, dann erinnern wir uns an die Einwohner des gleichnamigen Bundeslandes. Das sind aber ganz andere Sachsen und haben mit dem, was wir darstellen nicht das geringste zu tun. Diese Sachsen sind erst nach 1180 nach der Entmachtung Heinrichs des Löwen auf dynastischen Wege zu Sachsen geworden.

Statue von Herzog Widukind
Abb.1 Statue von Widukind
im Widukind Museum Enger

Nun könnten wir sagen, die "richtigen" Sachsen hätten in Niedersachsen gelebt. Schließlich besingen wir im Niedersachsenlied den Herzog Widukind und dessen Stamm. Ohne Zweifel war Widukind einer der berühmtesten Sachsen zur Zeit Karls des Großen. Aber wiederum ohne Zweifel war er ein Westfale. Und Westfalen gehört nach heutigen Begriffen nicht mehr zu Niedersachsen. Deshalb können wir auch nicht sagen, dass die Sachsen nur in Niedersachsen gelebt haben. Natürlich hat es vor 1300 Jahren noch keine Bundesländer gegeben. Zur Zeit von Karl dem Großen war Westfalen sächsisches Gebiet. So waren zum Beispiel die Orte Paderborn und Münster sächsisch besiedelt. Aber auch die Orte Hamburg, Bremen und Magdeburg zählten in dieser Zeit zu den Sachsen. Als das Gebiet des "alten Sachsens" verstehen wir heute das Gebiet, dass in der Zeit von Karl dem Großen bis zum Jahre 1180 als Sachsen bezeichnet wurde.


Wie aber verhält es sich nun in der Zeit vor Karl dem Großen? In den Geschichtsbüchern ist zu lesen, das Ptolemäus von Alexandria um 150 die Sachsen als "Saxones" erstmals erwähnte. Diese Erwähnung können wir nach neueren Erkenntnissen nunmehr anzweifeln. Näheres dazu in unserer Rubrik Irrtümer der Geschichte. Erst im 4. Jahrhundert wird der Begriff "Saxones" zweifelsfrei erwähnt. Allerdings diente dieser Begriff nicht dazu ein Volk zu benennen, sondern war ein Sammelbegriff für Küstenräuber, die in dieser Zeit die Küsten von Gallien und Britannien unsicher machten. Im Grunde hatte das Wort Saxones den gleichen Stellenwert, wie Jahrhunderte später das Wort "Wikinger". Auch hiermit wird kein Volk bezeichnet. Zur Abwehr dieser Piraten, hatten die Römer ein Verteidigungssystem aufgebaut, das sie "litus Saxonicum" (sächsische Küste) nannten. Woher diese "Saxones" aber nun kamen und wo sie beheimatet waren, kann nicht festgestellt werden. Sicherlich wird ein Teil dieser Piraten aus dem Gebiet des alten Sachsen gekommen sein. Ein Teil aber auch sicher aus Nordeuropa oder aus mitteleuropäischen Gebieten. Wir können also auch hier den Begriff "Saxones" noch nicht mit dem Begriff "Sachsen" gleichsetzen.

Im 5. Jahrhundert begann die germanische Besiedelung Britanniens. Für das Jahr 441/442 ist überliefert, das Britannien unter die Herrschaft von Saxones fällt. Aber auch hier handelt es sich zweifelsfrei um eine Sammelbezeichnung und nicht um den Namen eines bestimmten Volkes, denn es hatten sich Germanen aus verschiedenen Völkern in Britannien sesshaft gemacht. Auch Schweden und Norweger sind nach England gekommen. In seiner Kirchengeschichte schreibt Beda Venerabilis (*673/674 † 735) unter der Jahreszahl 449, dass Saxones, Angeln und Jüten nach Britannien gekommen seien. Diese stammen von den "drei tapfersten Völkern" Germaniens ab. Beda führte weiter aus, das die Saxones, die nach England gekommen waren aus dem Gebiet der Antiqui Saxones (Altsachsen) stammten. Auch in der angelsächsischen Chronik ist für das Jahr 449 von Leuten "of Ealdsaxum, of Anglum, of lotum" die Rede. Diese Chronik stammt aus dem 9. Jahrhundert und geht mit Sicherheit auf Beda zurück. Der Umstand, das Ursprungsland der Saxones nun als "Antiqui Saxones" zu bezeichnen hatte zwei Gründe. Zum einen passte der Zusatz "Antiqui" besser in das Versmaß und zum zweiten musste eine Differenzierung zwischen den Saxones in England und den Saxones auf dem Kontinent geschaffen werden. Der Begriff "Altsachsen" war geboren. Die "richtigen" Saxones waren also bis zur ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts die "Saxones", die in Britannien anzutreffen waren, während die "Saxones" auf dem Festland mit einem unterscheidenden Beiwort bedacht wurden. Auch im Merowingerreich waren seit dem 6. Jahrhundert mit den Begriffen "Saxones" und "Saxonia" die Engländer und England gemeint. Es ist aber anzunehmen, das sich niemand auf dem Festland selbst als "Altsachse" bezeichnet hatte.

Erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts drehten sich diese Verhältnisse wieder. Im Frankenreich seit Karl dem Großen waren die "richtigen" Träger des Sachsennamens die Bewohner des Raumes im heutigen Norddeutschland zwischen Rhein und Elbe. Diese wurden also "Saxones" genannt. Nun wiederum mussten die Saxones auf der britischen Insel mit einem unterscheidenden Beiwort bezeichnet werden. Dieses Beiwort ist dem langobardischen Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (*720/ 730 † 790/799) , der lange Zeit am Hofe Karls lebte, zu verdanken. In seiner Geschichte der Langobarden kommt der Ausdruck "Angli Saxones" vor. Dieses wird als "Angelsachsen" wiedergegeben. Die eigentliche Übersetzung müsste jedoch "englische Sachsen" lauten.

Den Wissenschaftlern ist es heute nicht klar, wie man die Bewohner des "alten Sachsens" vor der Zeit Karls des Großen nennen soll. Häufig findet die Bezeichnung "Genuine Bevölkerung germanischen Ursprungs" Verwendung. Dieser neuere Stand der wissenschaftlichen Diskussion über "Wer oder Was sind Sachsen" führt für uns persönlich zur Hinterfragung unseres Gruppenbeinamens "Sachsen um 700" . Da wir ihn aber VOR dem Beginn dieser Diskussion gewählt haben, bleiben wir dabei.


Literatur- und Quellenangabe:
Häßler, Hans-Jürgen - Sachsen und Franken in Westfalen. Zur Komplexität der ethnischen Deutung und Abgrenzung zweier frühmittelalterlicher Stämme, Studien zur Sachsenforschung 12, 1999
Springer, Matthias - Die Sachsen, 2004
Springer, Matthias - "Alte Sachsen und neue Sachsen?" in Neue Studien zur Sachsenforschung 2, 2011

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