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Interpretation einer Tunika

Wie bereits auf der Seite Fundlage zu lesen ist, wurde die Bekleidung im frühen Mittelalter ausschließlich aus vergänglichen Materialien hergestellt. Es stehen uns heute fast nur noch Stoffreste oder Gewebefragmente zur Verfügung, die keine Rekonstruktion, sondern lediglich eine Interpretation eines kompletten Kleidungsstückes zulassen.

Bei den Textilfunden aus dem sächsischen Gräberfeld Liebenau handelt es sich um verschiedene Stoffe, die aus tierischen (Wolle) oder aus pflanzlichen (Leinen) Fasern hergestellt wurden. Hier lassen sich zwei Grundbindungsarten feststellen: die 1/1 Tuchbindung (Wolle) und Leinwandbindung (Leinen) und die 2/2 Köperbindung in verschiedenen Variationen. Zur Benennung der Qualität wird die Anzahl der Fäden pro cm² in beiden Fadensystemen (also Kette und Schuß) zusammengezählt. Klaus Tidow (Textilmuseum Neumünster) hat 1995 folgende Einteilung vorgenommen: bis 15 Fäden/cm² grobe Qualität, bis 25 Fäden/cm² mittlere, bis 35 Fäden/cm² feine und darüber hinaus sehr feine Qualität.

In der friesischen Wurt Elisenhof haben sich lediglich Textilreste aus Wolle erhalten. Neben der Tuchbindung sind hier ebenfalls Stoffe in unterschiedlichen Köperbindungen (Gleichgrad,- Spitzgrad,- und Rautenköper) gefunden worden. Weiterhin sind Textilfärbungen durch Labkraut (Galium verum) sowie in mehreren Fällen durch Krappwurzeln der Färberröte (Rubia tinktorum) nachgewiesen.

Für das spätsächsische Gräberfeld in Rullstorf liegen uns bislang keine Analyseergebnisse der dort gefundenen Textilien vor.

Hier wird gewebt
Abb.3 Der große Moment: Das Anweben auf Silvias neuem
Webstuhl. Zum Größenvergleich ein 2 Cent Stück

Für die geplante Tunika haben wir uns für einen Wollstoff in Rautenköper entschieden. Die Fadendichte sollte bei 15 Fäden Kette x 15 Fäden Schuß sein. Es würde also mit 30 Fäden pro cm² eine feine Qualität werden. Und natürlich sollten diese Fäden auch pflanzengefärbt sein.
Beim Besuch der Reenactor Messe in Minden im Oktober 2013 sprachen wir mit Silvia Bestgen (ZeitenSprung) über dieses Projekt. Als Weberin war sie unsere erste Adresse und sie erklärte sich bereit, den Stoff für uns zu weben. Entsprechend feines Wollgarn, dass mit Birkenblättern lindgrün gefärbt wurde, hatte sie noch aus dem vergangenem Sommer vorrätig. Dieses sollte der Schussfaden für die neue Tunika werden. Für die Kettfäden haben wir uns für eine Rotfärbung mit Krapp entschieden. Diese hat Silvia dann im November 2013 durchgeführt. In ihrem Blog Zeitensprung ist der Vorgang des Färbens, des Spulens und des Webens genau beschrieben:
Ein Stoff für eine edle Tunika.


Bereits im Januar 2014 war der Stoff in der Größe 80 x 350 cm fertig gewebt und wir freuten uns dieses wundervolle Stück Textil in den Händen halten zu können. Bevor aber der Zuschnitt und die Weiterverarbeitung durchgeführt werden konnte, sollten noch einige Monate ins Land gehen.

Interpretation einer Tunika in Greding
Abb.5 Interpretation der Tunika des
"Herrn von Greding"
im Archäologie Museum Greding


Die Frage nach der "Kragenlösung" stand noch im Raum. Wir haben uns dann letztendlich für den Halsausschnitt der Tunika des "Herrn von Greding" entschieden. Hier ist die Form des Kragenauschnittes zweifelsfrei durch die dort gefundenen Goldborten nachgewiesen. (Siehe hierzu auch unsere Seite Fundlage)


Im Juli 2014 war es dann endlich soweit. Der Stoff wurde zugeschnitten und während einer Belebung des Sachsenhauses im Freilichtmuseum Oerlinghausen per Hand genäht.

Die fertige Tunika
Abb.7 Mit der neuen Tunika auf dem Ringwall


Endgültig fertiggestellt wurde sie jedoch erst Mitte August. Ulrich hatte die Gelegenheit, diese edle Tunika bei der Belebung der Hünenburg Twistringen beim Altsachsenring erstmalig zu tragen. Und wie man auf dem Bild gut erkennen kann, hat er sich darin auch sehr wohl gefühlt.


Literatur- und Quellenangabe:
Brieske, Vera - Schmuck und Trachtbestandteile des Gräberfeldes von Liebenau, Studien zur Sachsenforschung 5.6, 2001
Gesellschaft für Archäologie in Würtemberg und Hohenzollern e.V. - "Kleidung im frühen Mittelalter", 2008
Häßler, Hans-Jürgen - Ein Gräberfeld erzählt Geschichte, Studien zur Sachsenforschung 5.5
Hundt, Hans- Jürgen - Die Textil- und Schnurreste aus der frühgeschichtlichen Wurt Elisenhof, 1981
Möller-Wiering, Susan - Symbolträger Textil, Textilarchäologische Untersuchungen zum sächsischen Gräberfeld von Liebenau, Kreis Nienburg (Weser), Studien zur Sachsenforschung 5.8, 2005

Bildquelle:
Abb.1 bis 4: Bestgen, Silvia, Zeitensprung

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