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Fundsituation/ Quellenlage

Hier möchten wir einen kleinen Überblick über die historischen und archäologischen Quellen geben. Wir haben diese einmal wie folgt unterteilt:

Archäologische Quellen

Funde in Gräbern

Wegweiser zum Gräberfeld
Abb.1 Zum Gräberfeld geht´s links lang...

Als Hauptquelle für eine Rekonstruktion von Bekleidung aus dem frühen Mittelalter wären zweifellos die Textilfunde aus den Gräbern anzusehen. Da aber die damalige Bekleidung ausschliesslich aus vergänglichen Materialien hergestellt wurde (tierische und/ oder pflanzliche Fasern), sind uns heute fast nur noch Stoffreste oder Gewebefragmente erhalten, die lediglich punktuelle Rückschlüsse auf ein Kleidungsstück zulassen. Allein mit diesen Erkenntnissen ist aber die Rekonstruktion eines kompletten Kleidungsstückes nahezu unmöglich.

Zusätzliche Hinweise auf das Aussehen, bzw. der Art der Kleidung liefern uns Trachtbestandteile, die in den Gräbern gefunden wurden. Durch die Anordnung und Lage von Fibeln, Gürtelschliessen, Riemenzungen oder Toilettenbesteck können zum Beispiel Kleidungsaspekte oder Trageweisen erschlossen werden.

Untersuchungen der textilkundlichen Archäologie versuchen anhand der Stoffanhaftungen an Metallfunden verschiedene Schichten von Stoffen zu bestimmen, um so auf die Anzahl der Bekleidungsstücke schliessen zu können.

Ein Grabfund mit einer vollständig erhaltenen kompletten Bekleidung eines Menschen aus altsächsischer Zeit existiert leider nicht. Und auch, wenn es einen solchen "Jahrhundertfund" geben würde, so könnten wir immer noch nicht sagen, wie die Menschen damals zu Lebzeiten bekleidet waren. Wir können nicht davon ausgehen, das die Bekleidung, die dem Verstorbene im Grab angelegt wurde, dieselbe ist, die er auch im Leben trug.

Freigelegte Goldborten
Abb.3 Freigelegte Goldborten
des "Fürsten" von Greding- Großhöbing.

Als "Jahrhundertfund" wurde allerdings das berühmte "Sängergrab von Trossingen" aus dem späten 6. Jahrhundert eingestuft. Hier konnten zahlreiche Textilfragmente und Lederreste identifiziert werden, von denen sich drei der Gewebearten jeweils einem bestimmten Kleidungsstück zuordnen liessen.

Neben diesem Grab sind in der einschlägigen Fachliteratur über Kleidung im frühen Mittelalter noch weitere Gräber aus dem 6. und 7. Jahrhundert aufgeführt. Es handelt sich hierbei um das Sängergrab von St. Severin, das Knabengrab im Kölner Dom sowie die beiden in der Kirche von St. Ulrich und Afra in Augsburg entdeckten Klerikerbestattungen. Und selbstverständlich finden auch die Grabfunde der drei merowingischen Königinnen Wisigarde (Dom zu Köln), Arnegunde (St.Denis) und Balthilde (Chelles-sur-Marne) eine gebührende Erwähnung.

Obwohl diese Gräber etwas älter sind, als aus der von uns dargestellten Zeit und auch aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammen, sind sie für uns an dieser Stelle dennoch erwähnenswert. Es liegen hier unterschiedliche wissenschaftliche Rekonstruktionsversuche von Kleidung, Schmuck und Trachtbestandteilen vor, deren genauere Betrachtung auch für unsere Zeitstellung noch interessant sein dürfte.

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Moorfunde

Das Moor
Abb.4 Das Moor! Opferstätte, Begräbnisstätte
und tödliche Falle für verirrte Wanderer.

Im Grunde können wir auch die Moorfunde in drei Kategorien einteilen. Da wären zum ersten die Dinge, die als Opfer dem Moor übergeben wurden, zum zweiten die Bestattungen, die im Moor durchgeführt wurden und zum dritten die Überreste der armen im Moor verirrten Menschen, die darin umgekommen sind. Für eine objektive Betrachtung der Kleiderfunde wäre diese dritte Kategorie natürlich am besten geeignet. Aber so wie es aussieht, kannten sich die Menschen im Frühmittelalter entweder sehr gut im Moor aus, oder sie waren achtsamer.

Wir wollen uns bei diesem kleinen Überblick auf die Bekleidung einer Moorleiche im Bernuthsfeld (Kreis Aurich) und auf zwei Funde aus dem Thorsberger Moor (Kreis Schleswig-Flensburg) beschränken.

Bei der Moorleiche vom Bernuthsfeld handelt es sich um einen Toten, der uns heute als "Bernie" bekannt ist und bereits am 24.05.1907 beim Torfstechen im Kreis Aurich gefunden wurde. "Bernie" wurde offensichtlich mitten im Moor in einer rechteckigen, mit Moos ausgepolsterten Grube in Nord-Süd Ausrichtung bestattet. Sein Todesdatum ist nach neueren Untersuchungen zwischen 680 und 774 n. Chr. datiert worden. Er lebte also gegen Ende des 7./ Anfang des 8. Jahrhunderts und damit ziemlich genau in unserem dargestellten Zeitraum.
Zum Fundkomplex gehörten ein großes Tuch, das offensichtlich als Mantel getragen wurde, ein Kittel (Tunika), eine Wolldecke, zwei Wickelbinden, eine Wollschnur sowie ein weiterer Wollgeweberest. Der knielange und langärmlige Wollkittel, den der Tote als Oberbekleidung getragen hatte weist eine Besonderheit auf. Er besteht aus 43 (Hans Hahne, Hannover, 1915) bzw. 45 (Wikipedia, 2013) aufgesetzten Flicken, bzw. wurde aus diesen Reststücken zusammengenäht. Ein einheitliches Tuchgewebe ist nicht erkennbar. Die Flicken bestehen aus Stoffen in Tuchbindung und in Köperbindung mit zum Teil sehr fein gesponnenen Fäden. Durch diese Flickarbeit ist für die heutige Textilarchäologie auch eine Art Musterkollektion von Wollgeweben des Frühmittelalters erhalten geblieben.
Das Kleidungsstück befindet sich heute im Ostfriesischen Landesmuseum Emden.

Die Erhaltungsbedingungen für organisches Material waren auch im Thorsberger Moor optimal. Hier haben sich insgesamt 10 Bekleidungsstücke sowie 14 Gewebereste aus dem 3. und 4. Jahrhundert erhalten, die vermutlich als Opfergabe den Weg in das Moor gefunden haben. Neben den berühmten Prachtmänteln gehören zwei Hosen sowie ein Kittel zu den bekanntesten Funden aus diesem Moor.
Aus etwa dem gleichen Zeitraum stammt auch eine weitere Hose. Die der Moorleiche von Damendorf (Kreis Rendsburg- Eckernförde)

Obwohl die Kleidungsstücke aus dem Thorsberger Moor alle aus der römischen Kaiserzeit stammen, ziehen wir zumindest die Hosen in unsere Betrachtung mit ein, da es sich hierbei um die einzigsten vollständig erhaltenen Beinkleider handelt, die im Prinzip auch mit den Abbildungen späterer Zeiten vergleichbar sind. Ein "Vergleichsfund" zur Thorsberger Hose liegt uns mit einer Kinderhose aus der friesischen Wurt Elisenhof (8. Jahrhundert) vor.

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Siedlungsfunde

Die oben genannten Funde bieten uns zwar Erkenntnisse über textilkundliche Einzelheiten, aber wenn wir uns ein Bild vom Durchschnitt der in einer Bevölkerung hergestellten und verwendeten Textilerzeugnisse machen wollen, so müssen wir auch einen Blick auf die entsprechenden Siedlungsfunde machen. Bei der frühgeschichtlichen Wurt Elisenhof haben wir das große Glück, dass der gesamte Textilkomplex, der sich in einer Dungschicht erhalten hat, in das 8.Jahrhundert -und damit in unseren Zeitrahmen- datiert werden kann. Allerdings haben sich hier auch nur Gewebe und Schnüre aus Wolle erhalten, die vermutlich als Abfall in diese Dungschicht geraten sind. Da auch Leinsamenkapseln zum Fund in Elisenhof gehören, kann man annehmen, dass Lein "im Sommerfeldbau" angebaut wurde. Da aber Lein sehr empfindlich gegen Salzwasserüberflutungen reagiert, die auf der Wurt Elisenhof öfters vorgekommen sind, kommt dem Leinanbau nur eine geringe Bedeutung zu. Textilreste aus Leinen haben sich in der Dungschicht nicht erhalten. Diese sind aufgrund der chemischen Beschaffenheit der Schicht der Fäulnis ausgesetzt gewesen und vollständig vergangen. Der überwiegende Teil der geborgenen Textilfragmente besteht aus Wollstoffen in Tuch- und Köperbindung, verknoteten, grob gerissenen Gewebestreifen sowie schlauchförmig genähten Stoffsträngen. Weiterhin geflochtene und gedrehte Schnüre aus Wolle und Rosshaar.

Fragment einer Kinderhose
Abb.8 Elisenhof Fund Nr. E-38.
Fragment einer Kinderhose
mit Füßlingen.
Allerdings tragen Babys und Kleinkinder
auch heute noch derartige Hosen.

Will man nun diese gefundenen Textilreste klar bestimmbaren Kleidungsstücken zuordnen, so heben sich aus der breiten Masse in Elisenhof die Wickelbänder heraus, die den Männern zur Umwickelung der Unterschenkel gedient haben. Es spricht aus archäologischer Sicht auch einiges dafür, dass die Männer nicht das nackte Bein, sondern unterhalb der Knie die Hosen an das Bein angewickelt haben. Der überwiegende Teil dieser Wickelbänder ist in Spitzgradköperbindung gewebt, da sich gerade diese wegen ihrer Elastizität für derartike Wickelbindungen am besten eignet. Beinwickelbinden gehörten zum festen Bestandteil der männlichen Tracht. Auch bei den Moorleichenfunden von Damendorf, Rendswühren, Oberaltendorf und dem oben beschriebenen "Bernie" sind solche Binden gefunden worden.

Ein besonderes "Highlight" ist der Fund Nr. E-38. Hier handelt es sich um den zerschlissenen Rest einer Kinderhose mit Füßlingen. Das Hosenbein war aus einer Stofffläche mit einer Kappnaht zusammengenäht. Der Stoff des Hosenbeines geht bruchlos in den anschließenden Füßling über und bildet hier durch mehrmaliges Umwenden die Sohle. Dieser Fund belegt, dass auch im 8. Jahrhundert (zumindest von Kindern) Hosen mit anschließenden Füßlingen getragen wurden. Die Archäologen ziehen hier sehr gerne Vergleiche zu den oben genannten Hosen aus dem Thorsberger Moor.

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Schriftliche Quellen

Schriftliche Belege, die Aufschluß über die Bekleidung im frühen Mittelalter geben können, gibt es nur sehr wenige. Für die von uns gewählte Zeitstellung können wir hier lediglich die Lebensbeschreibung vom Karl dem Großen anführen, die von Einhard in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde.

Vita Karoli Magni - Das Leben Karls des Großen

Karl der Große
Abb.9 Bildnis einer Reiterstatuette,
die vermutlich Karl den Großen darstellen soll.

Im Kapitel 23 ist folgendes zu lesen:
"Er kleidete sich nach der nationalen Tracht der Franken: auf dem Körper trug er ein Leinenhemd, die Oberschenkel bedeckten leinene Hosen; darüber trug er eine Tunika, die mit Seide eingefaßt war; die Unterschenkel waren mit Schenkelbändern umhüllt. Sodann umschnürte er seine Waden mit Bändern und seine Füße mit Stiefeln. Im Winter schützte er seine Schultern und Brust durch ein Wams aus Otter- oder Marderfell. Darüber trug er einen blauen Umhang. Auch gürtete er sich stets ein Schwert um, dessen Griff und Gehenk aus Gold oder Silber waren. Nur an hohen Feiertagen oder bei Empfängen von Gesandten aus fremden Ländern trug er ein Schwert, das mit Edelsteinen besetzt war. Ausländische Kleider ließ er sich fast niemals anziehen, auch wenn sie noch so elegant waren, denn er konnte sie nicht leiden. (...) An hohen Festtagen trug er goldgewirkte Kleider und Schuhe, auf denen Edelsteine glänzten. Sein Umhang wurde dann von einer goldenen Spange zusammengehalten, und er schritt im Schmucke eines Diadems aus Gold und Edelsteinen einher. An anderen Tagen unterschied sich seine Kleidung nur wenig von der des gewöhnlichen Volkes."

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Bildliche Quellen

Die uns bekannten bildlichen Darstellungen beschränken sich auf kirchliche Niederschriften, wie z.B. dem Utrechter Psalter, dem Stuttgarter Psalter, dem Codex Bongarsianus 318 (Bern), sowie der Trierer Apokalypse. Diese Aufzeichnungen stammen allesamt aus dem 9. Jahrhundert und sind somit für unseren Darstellungszeitraum nicht mehr als "zeitgenössisch" anzusehen. Außerdem wurden diese Illustrationen von Menschen aus einem anderen Kulturkreis erstellt. Um uns der frühmittelalterlichen Kleidung besser annähern zu können, ziehen wir diese Quellen trotzdem mit heran.

Literatur- und Quellenangabe:
Einhard - "Vita Karoli Magni - Das Leben Karls des Großen", Reclam 2010
Gesellschaft für Archäologie in Würtemberg und Hohenzollern e.V. - "Kleidung im frühen Mittelalter", 2008
Hundt, Hans-Jürgen - "Die Textil- und Schnurreste aus der frühgeschichtlichen Wurt Elisenhof", 1981
Kania, Katrin - "Kleidung im Mittelalter", 2010
Theune- Großkopf, Barbara - "Mit Leier und Schwert", 2010
Schlabow, Karl - "Textilfunde der Eisenzeit in Norddeutschland", 1976
Wamers,Egon und Périn, Patrik (Hg.) - "Königinnen der Merowinger", 2012

Bildquellen:
Abb.2: Gebers, Wilhelm - Auf dem Weg nach Walhall, 2004 (Abb. 72, Seite 69)
Abb.5: Wikipedia mit freundlicher Genehmigung von Andreas Franzkowiak
Abb.8: Hundt, Hans-Jürgen - "Die Textil- und Schnurreste aus der frühgeschichtlichenWurt Elisenhof", 1981 (Tafel 22)
Abb.10: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Stuttgarter Psalter, Foliant (30)-13v
Abb.11: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Stuttgarter Psalter, Foliant (192)-93v

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