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Das Bauernjahr

Die heutige Vorstellung vom Alltagsleben im Mittelalter besteht zweifellos aus wilden Kriegszügen und erbarmungslosen Kämpfen. Ritterromantik und prächtige Schlösser. Menschen sitzen am Feuer, während sich der gebratene Ochse schon auf dem Spieß dreht. Und der Met floss in Strömen. Ansonsten hatte man nichts zu tun und genoss das Leben. Das alles ist natürlich nur eine Klischeevorstellung. So ist es nie gewesen!

Ruhepause auf einer altsächsischen Hofanlage
Abb.1 Ruhepause auf einer altsächsischen Hofanlage?
Wohl eher die Seltenheit!

Begeben wir uns nun auf eine Zeitreise in eine Welt ohne Fernsehgerät, ohne Kühlschrank, ohne Handy, ohne Zentralheizung, ohne Auto, ohne Bad mit WC, ohne medizinische Versorgung, ohne Strom, ohne Internet, ohne Sozialversicherung, ohne feste Arbeitszeiten ....und ohne diese Klischeevorstellung!

Im Jahr 700 bestand die Bevölkerung zu über 90% aus "Landbevölkerung". Die Menschen lebten in kleinen Ansiedlungen oder Einzelhöfen. Sie hatten nur das zum Leben, was sie sich selbst erwirtschafteten. Das Land wurde fast ausschließlich für den Eigenbedarf bebaut. Hier möchten wir einmal ein Jahr im Leben eines altsächsischen Bauern beschreiben. Welche Arbeiten müssen verrichtet werden? Was kann alles passieren? Wir gehen hier von einer Hofanlage aus, wie sie auf den Folgeseiten beschrieben wird.

März/ April

Das bäuerliche Jahr beginnt mit dem Frühjahr. Mit Hakenpflügen werden neue Furchen für das Sommergetreide aufgebrochen. Die hausnahen Gemüsegärten werden mit dem Handpflug bearbeitet. Jeder Abkömmliche hilft hierbei.

Pflugszene aus dem Utrechter Psalter (Foliant 49V)
Abb.2 Im Märzen der Bauer....
Pflugszene aus dem Utrechter Psalter (Foliant 49V)

Das Vieh, das noch in der Aue und am Waldrand unweit der Ansiedlung grast, wird bald in entferntere Weidegründe geführt. Die Bewohner gehen hinaus in die Umgebung, um durch die Suche nach essbaren Pflanzen, Wurzeln, Früchte etc. ihre erschöpften Vorräte zu ergänzen. Auch die jungen Blätter der mehrjährigen Kohlpflanzen bereichern den Speiseplan. Andere wandern bis zur Leine um Fische zu fangen. Sie kommen wieder mit der Nachricht, dass die Nachbarn jenseits des Flusses den Winter nicht überlebt haben. Sie sind nicht verhungert, sondern erlagen einer Seuche.

Die Wintergetreidefelder sind zu entkrauten. Auch ist es jetzt Zeit, neue Feldfrüchte auszusäen, zuerst Lein, dann Erbsen und Ackerbohnen, noch später Sommergetreide. Auch die Kohl- und Wurzelgemüse sind nun an der Reihe. Der Großteil der Bewohner hat damit für viele Tage alle Hände voll zu tun. Immer wieder müssen sich – nicht nur tagsüber – einige von ihnen auf die Lauer legen, um Wild und Vögel von den Feldern fern zu halten. Nebenbei bereichert man damit die Fleischversorgung.

Die Kühe, Schweine und Schafe haben nun Nachwuchs. Die Hirten halten sich Tag und Nacht bereit, bei der Geburt und Aufzucht zu helfen. Die Kühe geben nun auch genug Milch für den menschlichen Bedarf, so dass man Quark und Käse herstellt. Hühner und Enten fangen nach der Legepause wieder an Eier zu legen. Einige werden zum Verzehr eingesammelt, die anderen werden ausgebrütet. Die Bastgewinnung drängt. Wer abkömmlich ist, schält in Wald und Aue vor allem junge Linden, aber auch Eichen, Weiden und Ulmen. Der geschmeidige Bast der Jungbäume wird zu Körben, Schuhen, Seilen und Netzen verarbeitet. Aber auch Birkenrinde wird nun für die weitere Verarbeitung gesammelt

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Mai/ Juni

Von Zeit zu Zeit wird die Erde der Getreidefelder und Gemüseäcker aufgelockert und entkrautet. Da stets viele Hände mithelfen, ist die Arbeit bald getan. Ein marodes Wirtschaftsgebäude muss ersetzt werden. Das im Winter zugehauene Bauholz liegt bereits bereit. Alle arbeitsfähigen Männer des Hofes beginnen mit dem Eingraben der Pfosten. Für das Errichten der Dachkonstruktion kommen zusätzlich noch die Leute vom Nachbarhof zur Hilfe. Es ist auch höchste Zeit den alten Brunnen zu reparieren; noch steht das Grundwasser tief. Teile der Holzverschalung sind morsch und geben dem Erddruck nach. Um der drohenden Versandung vorzubeugen, verkeilt man exakt zugehauene Bretter an den schadhaften Stellen.

Auch der Lehmbackofen muss ausgebessert werden. Einige arbeiten daran, andere sammeln Ton um neue Keramik zu erstellen. Nach der Aufarbeitung des Tones entstehen hieraus die Gefässe. Nach wenigen Tagen der Trocknung wird die Keramik gebrannt. Bei Bedarf gehen einige Leute vom Hof in das Umland, um Nahrung, Rohstoffe oder Baumaterial zu beschaffen. So ergänzen jetzt zum Beispiel Wildgemüse und Erdbeeren den Speiseplan.

Das Jungvieh ist zum Teil schon entwöhnt. Die Muttertiere geben aber noch Milch, die zur weiteren Verarbeitung genutzt wird. Auch hier gilt es, den Ertrag möglichst schnell zu konservieren. Nun ist auch Zeit, die Schafe zu scheren. Vorher werden alle erwachsenen Tiere durch das Wasser getrieben, um die Wolle grob zu reinigen. Die Wolle wird eingelagert um sie später zu verarbeiten.

Inzwischen haben die Hausbauer ihr Werk vollendet und die Flechtwände fertiggestellt. Das Reet, was im Winter geschnitten wurde, kommt jetzt auf das Dach des Gebäudes. Ein schweres Sommergewitter droht die fast reifen Getreidepflanzen zu vernichten. In der Ferne sind seit zwei Tagen heftige Regenfälle zu sehen, dessen Vorboten schon das Gehöft erreichen. Die Menschen bangen und beten, dass die heiligen Mächte sie beschützen mögen. Vor zwei Sommern ist ihnen bei einem schweren Regen fast das ganze Getreide im Schlamm versunken.

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Juli/ August

Nun ist Hochsaison. Es gilt die Getreideernte einzubringen. Hier hilft jeder mit. Zuerst die Wintersaat und dann das Sommergetreide. Das Korn (außer dem Roggen) wird direkt unterhalb der Ähre gebrochen oder gesichelt und auf den Hof gebracht. Der Roggen dagegen wird kurz über dem Erdboden geschnitten, um das Roggenstroh für spätere Verarbeitung zu erhalten. Die Ähren für den notwendigen Gebrauch werden sofort gedroschen. Der Rest folgt später und wird dann eingelagert. Im Gegensatz zu späteren Zeiten wird das Dreschen nicht mit dem Dreschflegel, sondern mit den Füssen oder Ruten erledigt. Das ausgedroschene Roggenstroh wird für die weitere Arbeit zurückgelegt. Das andere Stoh dient als Viehfutter. Für den aktuellen Bedarf reinigt und mahlt man schon Getreide aus der neuen Ernte. Ein Teil davon wird jetzt schon für die Herstellung von Getreidebier verwendet.

Überdies sind die Erbsen und die Ackerbohnen reif. Die Ernte beginnt sofort, damit sie nicht doch noch Tieren oder Unwettern zum Opfer fallen. Die Hülsenfrüchte werden getrocknet, um sie haltbar zu machen. Das Erbs- und Ackerbohnenstroh lagert man ebenfalls als Viehfutter ein.

Der Emmer ist reif zur Ernte
Abb.4 Der Emmer ist reif zur Ernte.

Auch die folgenden Wochen bringen für die Leute vom Hof täglich anstrengende Feldarbeit. Nun ist der Lein zu ernten; man zupft die Stängel aus dem Boden und lässt die trocknen. Dann separiert man die Fruchtkapseln für die spätere Verarbeitung. Die Stängel werden nun einige Zeit in Erdmulden gewässert (rotten) und anschließend getrocknet.

Im Spätsommer wird das Vieh auf die abgeernteten Felder getrieben, nicht nur zur Fütterung, sondern auch wegen des Dungs. Die Schweine durchfurchen die Brache mit ihrem Rüssel und erleichtern so die spätere neue Feldbestellung. Jetzt hat man auch wieder mehr Gelegenheit, Nahrung aus dem Umland zu beschaffen. Manche sammeln Beeren und Pilze. Die ersten, noch grünen Haselnüsse schmecken auch schon hervorragend. Andere gehen auf Fischfang. Wie viele Sommer zuvor kommt ein fahrender Händler auf den Hof. Es werden Waren wie Keramik, Glas und Schmuck gehandelt. Und natürlich werden auch Neuigkeiten ausgetauscht. Das Treffen ist für alle zufriedenstellend und so feiert man zum Abschluss bei Gebratenem und Vergorenem. Als der Händler weiterzieht, begleiten ihn zwei Leute des Hofes ein Stück, um sich in den benachbarten Ansiedlungen nach Neuigkeiten zu erkundigen.

Auf einer zehn Kilometer entfernten Weide drang ein Bär nachts in den Pferch einer kleinen Schafherde und riss drei der Tiere. Auch in den folgenden Nächten bemerken die Hirten die Nähe von Bären, weshalb sie eine andere Weide aufsuchen.

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September/ Oktober

Etliche Leute sind weiterhin mit dem Dreschen und Reinigen des Getreides beschäftigt. Dabei bemerken sie, dass sich in den eingelagerten Ähren Kornkäfer eingenistet und schon einen Teil der Ernte vernichtet haben. Eilig kontrolliert man den Vorrat, um den Schaden zu begrenzen. Trotz einiger Einbußen, zweigt man immer noch bei Bedarf Getreide ab, um Getreidebier herzustellen.

In den folgenden Wochen muss man schon wieder die Felder für das Wintergetreide vorbereiten; pflügen, säen und jäten. Das Vieh wird tiefer in die Waldweide getrieben, um zunächst dort Futter zu finden. Die Schweine mästen sich an Unmengen herhabgefallener Eicheln und Bucheckern. Kühe und Schafe fressen das Restlaub. Wochen später, wenn die Ressourcen erschöpft sind, führt man die Tiere in die Nähe des Hofes. Die Menschen nutzen die Gaben der Natur: Pilze, Wildäpfel, Haselnüsse, Hagebutten und andere Früchte werden eingesammelt und haltbar eingelagert. Die Lockjagd auf Zugvögel und Fischfang ergänzen die Vorräte. Dem Bauern und seinen Söhnen war das Jagdglück hold. Mit Pfeil und Bogen haben sie ein Stück Rotwild erlegt. Nun ist man für den Winter gut gerüstet. Grund genug um ein mehrtägiges "Erntefest" mit Musik, Tanz und Getreidebier zu feiern.

Nach mehrwöchigem Trocknen sind nun die Leinkapseln zu dreschen. Die Samenkörner sind größtenteils für die menschliche Ernährung bestimmt, ein kleiner Teil dient als Saatgut. Die Schalen verfüttert man an das Vieh. Auch der gerottete Flachs ist nun gedörrt und bereit zur Weiterverarbeitung. Die Flachsfasern werden in vielen Arbeitsschritten herausgelöst und zum Spinnen aufbereitet. Diese Arbeit wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

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November/ Dezember

Die Feldarbeit ist weitgehend beendet; nur ein Acker wird für das Frühjahr neu erschlossen. Die Menschen beseitigen das durch den Viehverbiss ohnehin schon kurz gehaltene Gehölz. Wenn das Wetter es zulässt, werden die Schweine auf diese Fläche getrieben, damit der Boden aufgelockert wird. Dieses erleichtert das Pflügen im nächsten Frühjahr. Die Hofbewohner schneiden nun Hasel- und Weidenruten als Material für Körbe und Flechtwände. Nach den ersten Frösten sammeln sie Schlehen, die nicht nur schmecken, sondern auch bei Bauchschmerzen helfen.

In den kommenden Wochen wird Vieh geschlachtet, einerseits um die Winterreserven aufzustocken, andererseits um die Herden auf überlebensfähige Bestände in der kalten Zeit zu verkleinern. Nun erhalten die Tiere zusätzliches Futter aus dem Laub- und Reisigvorrat.

Weil die dichten Wildfelle begehrt sind, geht man immer wieder auf Pelztierjagd. Fuchs, Marder, Dachs etc. sind nicht mehr sicher. Überdies hat der Bauer die sommerliche Bärenattacke nicht vergessen; die Männer des Hofes warten auf die Winterruhe der Tiere und begeben sich dann auf "Rachejagd".

Knochenkämme
Abb.7 Knochenkämme

Bei ungemütlichem Wetter ist in Haus und Hof genug zu tun. Die Felle der Jagd- und Schlachttiere müssen gegerbt werden. Ausrüstung und Kleidung ist zu reparieren oder neu herzustellen. Aus Horn und Knochen werden nützliche Gegenstände, wie z. B. Kämme gearbeitet. Viele Arbeiten sind wegen der Lichtverhältnisse, Geruchsbelästigung oder Brandgefahr nur draussen oder in separaten Gebäuden durchzuführen. In Grubenhäusern weben die Frauen aus den zuvor versponnenen Leinen- und Wollfasern neue Stoffe. Wenn nicht anderweitig beschäftigt, müssen hier auch Männer die Reste der Flachsernte brechen und hecheln - eine brandgefährliche Arbeit, die einmal fast zum Verhängnis führte. Wirbelnde Flachsteilchen hatten sich an einer schwelenden Feuerstelle entzündet und ein Leinbündel in Brand gesetzt, das aber gelöscht werden konnte.

Zum Jahresende feiern alle Bewohner das grosse Midwinterfest. Mit großer Lautstärke sollen die Geister der dunklen Jahreszeit vertrieben werden. Dazu gibt es reichlich Geteidebier oder auch Met.

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Januar/ Februar

Schnee bedeckt das Land. Es ist kalt. Das Feuer im Sachsenhaus reicht bei weitem nicht aus um das komplette Haus aufzuwärmen. Richtige Wärme gibt es nur direkt am Feuer. Aber um hier zu sitzen ist wenig Zeit.

In dieser Vegetationsphase sind Baumfällen und Holzzurichtung die Hauptarbeiten für die Männer; nicht nur zum Auffüllen der Brennholzvorräte, sondern vor allem zur Beschaffung von Baumaterial. Jetzt geschlagene Bäume sind haltbarer als Sommerholz. Die gleich am Fallort entasteten Stämme lassen sich auf dem gefrorenen Boden mit dem Ochsengespann relativ leicht auf den Hof ziehen. Dort werden sie in den nächsten Tagen entrindet, gespalten oder behauen, ehe sie zu sehr austrocknen. Auch die Äste werden an die heimischen Feuer gebracht. Jetzt ist auch die beste Zeit Reet zu schneiden, das später im Jahr zur Dacheindeckung- oder reparatur genutzt wird.

Der Winter ist streng. Das Futter wird knapp. Das abgemagerte Vieh bekommt zumeist aus den lang angelegten Vorräten an Laub, Stroh und Eicheln zu fressen, aber auch Rinden und Zweigabfälle. Das Vieh, das sich nun auf dem Hofgelände befindet, lockt ausgehungerte Wölfe an. Sie trauen sich aber wegen den Hofhunden nicht näher heran. Auch die Katzen des Hofes sind fleissig. Sie sorgen dafür, dass die Getreidevorräte nicht komplett von Mäusen und Ratten vernichtet werden.

Trotz des häufig trüben Lichtes in den Häusern weben und nähen, knüpfen und flechten die Bewohner gerade jetzt den Großteil der im nächsten Sommer benötigten Kleider, Decken, Tücher, Matten und Netze. Die Verarbeitung von Leder beansprucht bei Männern wie Frauen ebenfalls viel Zeit; schließlich sind Schuhe, derbe Kleidung, Peitschen, Riemen und Taue unverzichtbar für das bäuerliche Leben. Bei günstiger Witterung begibt sich so mancher auf die Pirsch, nicht nur um an Wildfleisch zu kommen, sondern auch um der permanenten Enge des Hauslebens zu entfliehen.

Eine kleine Bildergalerie mit dem Titel "Winter auf einer altsächsischen Hofanlage" gibt es hier auf unserer Facebook-Seite

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Bildquellen:
Abb.2: Utrechter Psalter, Foliant 49V

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